Rede von Moritz Altner auf der Kundgebung am 9. November 2019

Moritz Altner, Mitglied der Bezirksversammlung Eimsbüttel (SPD) sprach auf der Kundgebung am 9. November 2019. Hier seine Rede im Wortlaut.

Liebe Nachbarinnen und Nachbarn,

danke dass Ihr so zahlreich erschienen seid. Danke an Holger und Kersten Artus sowie ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter für die Organisation. Danke, dass ihr mir die Möglichkeit gebt, hier und heute ein paar Worte zu sagen.

In Eimsbüttel gibt es eine lange Tradition der Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis, an die Bücherverbrennungen aber auch die Verfolgung und Ermordung politischer Gegner und nicht zuletzt die Shoa. Stolpersteine, Gedenktafeln und Platzbenennungen sowie das jährliche Gedenken „Grindel leuchtet“ sind deutlich sichtbare Teile des Stadtbildes. Dieses Gedenken lebt von der Beteiligung jeder und jedes Einzelnen. Ich freue mich daher, dass es auch hier im Schanzenviertel eine aktive Gruppe von Menschen gibt, die auf verschiedene Weisen versucht, die Erinnerung, so schmerzhaft sie ist, lebendig zu halten. In Trauer um die Opfer aber auch mit Blick in die Zukunft und als Vorbild für folgende Generationen.

Am 9. November 1938 beginnt die systematische Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland. Der Wahnsinn, der später – angeblich im Verborgenen – Millionen Jüdinnen und Juden das Leben gekostet hat, beginnt mit klirrenden Fensterscheiben und brennenden Synagogen auch in Eimsbüttel – sichtbar für alle. In Berlin fuhr der Schriftsteller Erich Kästner gegen 3.00 Uhr nachts in einem Taxi über den Kurfürstendamm und sah Männer mit Eisenstangen Schaufenster einschlagen. „Es klang, als bestünde die ganze Stadt aus nichts wie krachendem Glas. Es war eine Fahrt wie quer durch den Traum eines Wahnsinnigen.“ Auschwitz ist die perverse Steigerung einer an sich schon wahnsinnigen Idee. Nie wieder dürfen wir geschehen lassen, dass Menschen auf Grund ihrer Religion, ihrer Sexualität, ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer politischen Einstellung aller Lebensgrundlagen und in letzter Konsequenz ihres Lebens beraubt werden; dass Menschen als unwert abgestempelt und systematisch vernichtet werden.

Liebe Nachbarinnen und Nachbarn,

wir gedenken daher heute allen, die durch die Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten ihr Leben verloren haben. Wir gedenken Hans-Heinrich Hornberger aus dem Kleinen Schäferkamp 48. Geboren am 12.07.1907 und im Konzentrationslager Neuengamme am 14.2.1944 gehenkt, weil er Kommunist und Widerstandskämpfer war. Wir gedenken der Familie Meiberg, Fanny, Julius, Frieda, Ruth und Manfred aus dem Kleinen Schäferkamp 32. Nach Theresienstadt und Auschwitz verschleppt und dort ermordet, weil sie Juden waren. Wir gedenken Cäsar Wolf, geboren 1847, Flucht in den Tod 1933, nachdem er auf Grund seines jüdischen Glaubens sein Lebenswerk das Freimaurerkrankenhaus im Kleinen Schäferkamp 43 – das heutige Elisabeth Alten-und Pflegeheim – nicht mehr betreten durfte. Wir Gedenken allen anderen, die aus ihrem Leben in Eimsbüttel gerissen, verschleppt, gequält, gedemütigt und ermordet worden sind. Wir Gedenken Ihnen als unseren Nachbarinnen und Nachbarn. Dieses Gedenken ist durch den Anschlag von Halle erschreckend aktuell. Aktueller, als ich es mir je vorstellen konnte. Das Synagogen wieder wie vor 81 Jahren zu Zielen antisemitischer und faschistischer Gewalt werden, ist eine nicht hinzunehmende Tatsache in diesem Land und wir müssen alles dafür tun, dass sich so ein Anschlag nicht wiederholen kann. Das sind wir den Toten von Halle, wie auch den Toten der Reichsprogromnacht und der Shoa schuldig.

Mich – ich glaube uns alle – hat der terroristische Anschlag von Halle traurig, hilflos und wütend gemacht. Neben der Trauer und Wut hat es auch eine große Welle der Anteilnahme, des Zusammenrückens und der Solidarität gegeben. Wir alle waren in Gedanken bei den tatsächlichen und potenziellen Opfern des Anschlags und ihren Angehörigen und Freunden. Viele von uns haben bei Mahnwachen oder Kundgebungen ihre Solidarität und Anteilnahme zum Ausdruck gebracht. Aber wie geht es jetzt weiter? Wir als Gesellschaft sind aufgerufen gerade jetzt noch mehr zu tun. Lasst uns Freunde des Judentums werden – in Eimsbüttel und darüber hinaus. Freunde des Judentums wissen, dass Jüdinnen und Juden ein integraler Bestandteil unserer Gesellschaft sind und wir alles tun müssen, damit sie sich hier genauso sicher und akzeptiert fühlen wie alle anderen. Das ist bisher und besonders in letzter Zeit eher Wunsch als Realität und bedarf dringend auch unserer politischen Beschäftigung. Es kann nicht angehen, dass immer mehr Jüdinnen und Juden mit dem Gedanken spielen, aus Angst um Leib und Leben auszuwandern. Freunde des Judentums wollen gemeinsam mit den hier lebenden Jüdinnen und Juden aber auch dafür sorgen, dass jüdisches Leben für jeden sichtbar und selbstverständlich zum Bezirk Eimsbüttel dazugehört. Nicht nur hinter gut gesicherten Mauern und Zäunen, sondern in den Cafés, Restaurants, Museen, der Universität, den Parks, auf den Straßen und Plätzen. Jüdisches Leben darf nicht nur – muss aber natürlich auch – auf Gedenktafeln und Stolpersteinen ein Teil unserer Geschichte sein. Es muss Teil des gelebten Miteinanders werden.

Liebe Nachbarinnen und Nachbarn,

Einiges – durchaus Bedenkenswertes – wurde dazu in den letzten Tagen von verschiedener Seite schon vorgeschlagen. Der Wiederaufbau der Synagoge am Joseph-Carlebach-Platz ist momentan die wohl prominenteste Idee. Ich wünsche mir Folgendes: Lasst uns in den nächsten Wochen und Monaten dazu untereinander – ob jüdischen Glaubens oder nicht – ins Gespräch kommen. Lasst uns weiter gemeinsam Gedenken – niemals vergessen. Aber lasst uns auch den Blick auf eine gemeinsame Zukunft richten, in der jüdisches Leben einen bedeutenden, selbstverständlichen und gesicherten Platz in Eimsbüttel hat. Dafür lasst uns gemeinsam streiten.

Ich danke für Eure Aufmerksamkeit.

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